6 Fragen die ihr einer Logopädin schon immer stellen wolltet! oder: „Was macht ein Logopäde eigentlich?“ – Ein Interview

Abschließend zu meinem Schwerpunkt „Sprachentwicklung“ habe ich Logopädin Beatrice Pollin, BSc dazu befragt wie kindliche Sprachentwicklung abläuft und wann man logopädischen Rat einholen sollte. Und vor allem könnt ihr nachlesen was Logopäden eigentlich machen!

 

Was unterstützt die kindliche Sprachentwicklung und was hemmt sie?

Die kindliche Sprachentwicklung ist ein sehr komplexer Vorgang, der durch die voranschreitende kognitive Entwicklung verschiedene Stadien durchläuft. Es ist faszinierend zu beobachten, wie er in der Regel ganz von alleine passiert. Ein intaktes familiäres Umfeld, das dem Kind Sicherheit, Geborgenheit und Zuwendung (natürlich auch in Form von Kommunikation) bietet ist der beste Nährboden für eine gesunde Sprachentwicklung. Im ersten Lebensjahr ist es vor allem eine grammatikalisch vereinfachte, dem Kind zugewandte Sprache, die auch von Emotionen geprägt ist, die die frühe Sprachentwicklung bestmöglich unterstützt. Danach sind eigenständige Entwicklungsmöglichkeiten sehr wichtig.

Das bedeutet, dass das Kind und die Mutter/Hauptbezugsperson es schaffen, sich aus der natürlichen Zwei-Einheit, die vor allem im ersten Lebensjahr besteht, zu lösen und so die Individuationsentwicklung (Entwicklung des Ichs) voranschreiten kann. Auch Konflikte (wie beispielsweise in der Trotzphase) sind hier wichtig, denn sie fördern die Entwicklung des Ichs.

Hemmend können viele Einflüsse wirken. Nicht immer führen sie aber zu einer Sprachentwicklungsstörung. Zu intensiver/zu langer Schnullergebrauch oder lang anhaltende Sauggewohnheiten können den gesunden Spracherwerb ebenso hemmen, wie psychische Faktoren (z.B. unausgesprochene belastende Familienthemen) oder nicht-kommunikativer Sprachgebrauch (wenn das Kind Sprache über Fernsehen/Radio erfährt oder wenn Eltern nicht mit dem Kind sprechen, sondern es „wie ein Radio beschallen“, also ständig sprechen, ohne dabei auf das Kind einzugehen). Auch genetische Komponenten (Sprachprobleme in der Familie oder auch Behinderungen) und natürlich angeborene oder erworbene Hörstörungen (z.B. durch häufige Mittelohrentzündungen) führen oftmals zu Sprachentwicklungsverzögerungen oder –störungen.

 

Was können Eltern im Alltag tun, um ihr Kind „in der Sprachentwicklung zu unterstützen“?

Eltern sollten einen respektvollen Umgang mit ihren Kindern pflegen, ihnen aufmerksam zuhören und die Möglichkeit geben, Wünsche selbst zu äußern. Werden einem Baby/Kleinkind alle Wünsche sofort erfüllt, wenn es nur mit dem Finger auf etwas zeigt, so benötigt es keine Sprache und der Sprechbeginn wird sich möglicherweise verzögern.

Eltern sollten außerdem versuchen Babysprache so gut wie möglich zu vermeiden.  Sie sollten von Anfang an die Worte der Erwachsenen (in grammatikalisch vereinfachten Sätzen) verwenden und dem Kind diese immer wieder richtig vorsagen. Das bedeutet nicht, dass man das Kind ständig korrigieren soll. Das würde zu einer Abneigung gegen das Sprechen führen. Eltern sollen dem Kind einen „falschen“ Satz einfach noch einmal richtig „zurückgeben“. Dieses „Correktive Feedback“ könnte z.B. so aussehen:

Kind: „Mama, Nane namnam.“;  Mama: „Ja, du möchtest eine Banane essen.“. Kinder bekommen auf diese Weise nicht das Gefühl, sie könnten nicht sprechen, sondern immer die Rückmeldung „Kommunikation geglückt- ich wurde verstanden“ und „Ach so heißt das richtig“. Langsam nähern sie dann über Jahre ihren Wortschatz, ihre Aussprache und ihre Grammatik an die der Sprachvorbilder an.

Auch Blickkontakt ist für die Sprachentwicklung sehr wichtig. Denn vor allem der frühe Spracherwerb funktioniert hauptsächlich über Blickkontakt mit der Mama. Dies nennt man „Triangulieren“. Ein kleines Beispiel zum besseren Verständnis: Das Kind sitzt mit der Mama am Boden, sie spielen. Das Kind sieht eine Fliege krabbeln und schaut die Fliege an; gleich darauf wendet es den Blick der Mama zu und dann wieder der Fliege. Mama nimmt Blickkontakt mit dem Kind auf und folgt seinem Blick zur Fliege und sagt dann „Oh, da sitzt eine Fliege!“.

Als letztes finde ich noch wichtig zu erwähnen, dass das Spielen die beste Lernquelle der Kinder ist. Über das Spiel ahmen sie die Erwachsenen nach. Zunächst üben sie mit den Dingen die reine Funktion aus. Später gibt es ein „So tun als ob“-Spiel (z.B. rühren sie dann nicht nur im Topf, sondern kochen in ihrer Vorstellung eine Suppe). Aus dem Symbolspiel (z.B. die symbolische Handlung „Rühren“ für „Suppe kochen“) wird schließlich ein Rollenspiel. Kinder können dann in andere Rollen schlüpfen, sich in andere Hineinversetzen. Sprache ist ebenfalls „symbolisch“. Ich höre ein Wort (z.B. „Ball“) und muss dieses akustische Symbol in meinem Kopf in ein Bild umwandeln, damit ich weiß, wovon das Gegenüber spricht.
Kinder mit Sprachentwicklungsstörungen haben häufig auch kein altersadäquates Spielverhalten.

 

Sprachentwicklung verläuft von Kind zu Kind unterschiedlich, aber welche Lernschritte machen die meisten Kinder mit 1, 2, 3, 4 und 5 Jahren?

Mit 1 Jahr beginnen die meisten Kinder die ersten Wörter zu sprechen. Häufig sind es nur Silbenverdoppelungen (z.B. Mama, Papa, Wawa, Tutu). Die Erwachsenen geben den Worten Bedeutung und das Kind bekommt die Rückmeldung „Eine Person/ein Ding hat immer einen bestimmten Namen“.

Es versucht Laute nachzuahmen und benutzt dabei hauptsächlich die von außen sichtbaren Laute (m, n, b, p, t, l). Die Kommunikation ist an die Situation gebunden, aber die „Einwortäußerungen“ können verschiedene Bedeutungen haben. Zum Beispiel kann „Auto“ bedeuten: „Da ist ein Auto“, es kann aber auch „Bring mir das Auto“ oder  „Ich höre ein Auto“ bedeuten. Es hat ein erstes Wortverständnis und reagiert auf seinen Namen.

Im Spiel kann es Handlungen direkt nachahmen (Phase des Funktionsspiels).

Mit 2 Jahren können Kinder ca 50-200 Wörter sprechen und der Wortschatz nimmt sehr schnell zu. Kann ein Kind mit 24 Monaten weniger als 50 Wörter sprechen, so wird es als „Late Talker“ bezeichnet. Late Talker sind gefährdet, eine Sprachenwicklungsverzögerung oder –störung zu bekommen. Manche holen den späteren Sprechbeginn aber auch rasch auf.

Das Kind spricht in Zweiwortsätzen, beginnt erste einfache Fragen zu stellen (z.B. Ist das? Wo Oma?) und verwendet auch Verneinungen, Adjektive und Verben. Mit 18 bis 24 Monaten erlebt es den Höhepunkt der Individuation; es erkennt sich selbst im Spiegel und nennt sich beim Namen. Das Kind kann einfache Aufforderungen verstehen und befolgen. Es beachtet das Resultat seiner Handlungen.

Mit 3 Jahren können Kinder Drei- oder Mehrwortsätze grammatikalisch richtig sprechen. Sie können alle Laute aussprechen, außer den Zischlauten s,sch,ch. Auch das r braucht manchmal etwas länger (bis 3,5 – 4 Jahre). Sie können auch schon einige Konsonantenverbindungen richtig aussprechen. Manche Wörter werden aber noch vereinfacht ausgesprochen. Sie verwenden Artikel, Präpositionen und Personalpronomen. Mit 3 Jahren beginnen Kinder außerdem zu Fragen und damit ihr Wissen über die Welt auszubauen. Sie können ihr Spiel vorausplanen und symbolisch spielen. Sie benennen sich selbst mit „ich“.

Mit 4 Jahren können Kinder weitgehend korrekte Haupt- und Nebensätze bilden. Sie können komplexere Aufträge verstehen und befolgen, kennen meist die Farben und sind gut verständnlich, da auch schwierigere Lautverbindungen erworben wurden. Die Laute [ch] und [sch] sind möglicherweise noch nicht ganz korrekt. Sie spielen Rollenspiele.

Mit 5 Jahren können Kinder die Erwachsenen gut verstehen und somit auch Mehrfachaufträge ohne Probleme verstehen und befolgen. Sie haben bereits einen gut ausgebauten Wortschatz und die Grammatik beinhaltet Zeitformen und Pluralformen, sodass sie Gedankengänge gut beschreiben und Geschichten erzählen können. Auch abstrakte Begriffe (z.B. Glück, Gesundheit) und Oberbegriffe (z.B. Werkzeuge, Kleidung) werden verwendet. Sie können alleine mindestens bis 10 zählen.
Welche Sprachlaute entwickeln sich früh und welche erst sehr spät?

Nach Annette Fox erwerben 75% der Kinder die ersten Laute [m, b, p, d, t, n] bis zu einem Alter von 2 Jahren. Danach folgen die Laute [w, h, s] bis 2 ½ . Bis 3 Jahre können 75% die Laute [f,l,j,ng,ch (wie in ach),r, g,k,pf] korrekt aussprechen, bis 3 ½ die Laute [ch (wie in ich), z] und bis 4 das [sch].

90% der Kinder können das r mit 3 ½ und das [sch] erst mit 5 Jahren korrekt aussprechen.

 

Bei welchen Anzeichen sollte ich eine Logopädin/einen Logopäden aufsuchen.

Eltern sollten immer dann eine Logopädin/einen Logopäden aufsuchen, wenn Sie nicht sicher sind, ob die Sprachentwicklung oder die Kieferentwicklung (Zahnstellung, Schluckmuster) altersentsprechend und gesund sind.

Leider vertreten viele Kinderärzte die Ansicht „Das wird schon noch!“, wodurch die Kinder oft viel zu spät in der logopädischen Praxis vorgestellt werden. Dabei würde ein möglichst früher Therapiebeginn die Therapiedauer meistens verkürzen. Außerdem haben die Kinder eher die Chance den Entwicklungsrückstand bis zum Schuleintritt aufzuholen. Nicht oder zu spät behandelte Sprachentwicklungsstörungen führen häufig zu Problemen im Schriftspracherwerb.

Auf jeden Fall sollte ein Kind bei der Logopädin/dem Logopäden vorgestellt werden wenn…

… Saug-/Trink-/Essprobleme bestehen; ab dem Säuglingsalter.

…das Kind mit 24 Monaten noch nicht oder noch keine 50 Wörter spricht bzw. wenn der Wortschatz offensichtlich nicht dem Wortschatz gleichaltriger Kinder entspricht.

…das Kind mit 3 Jahren noch schwer verständlich ist und bestimmte Sprechlaute durch andere ersetzt.

…das Kind mit 3 bis 4 Jahren keine grammatikalisch richtigen Sätze bildet. Es verdreht Sätze, lässt Artikel oder Satzteile weg oder spricht in unvollständigen Mehrwortsätzen.

…das Kind Aufforderungen (ohne hinzuzeigen, hinzuschauen) nicht befolgen kann, d.h. wenn es die Aufträge nicht versteht.

… das Kind immer durch den Mund atmet, stark speichelt, die Zunge in Ruhe zwischen den Zähnen liegt, das Abschlucken von Speichel oder Essen angestrengt aussieht oder eine Zahnfehlstellung vorliegt (auch begleitend zu Zahnregulierungen).

…die Bezugspersonen besorgt oder verunsichert sind in Bezug auf die Sprachentwicklung, das Essverhalten, die Stimmqualität oder Zahn- und Kieferfehlstellungen.

 

Was macht man bei der Logopädin eigentlich?

Das hängt natürlich ganz davon ab, in welchem Bereich das Kind Schwierigkeiten hat und wie alt es ist. Auf jeden Fall sollte die Therapie dem Kind Spaß machen, denn nur in einer guten Atmosphäre können Kinder lernen. Wichtig ist, dass auch die Eltern in der Therapie „mitmachen“ und gegebenenfalls zuhause mit dem Kind üben.

In der Regel kommt das Kind einmal pro Woche zur Logopädin (nach ärztlicher Zuweisung). Mit kleinen Kindern, die Probleme im Spracherwerb haben, wird im freien Spiel gearbeitet. Bei Aussprachestörungen geht es um differenziertes Wahrnehmen der Laute, erst dann um die Bildung und Anwendung in Wort und Satz. Ganzkörperliche Übungen, aber auch Mund- und Zungenübungen werden erarbeitet, um Laute richtig bilden zu können oder ein korrektes Schluckmuster anzubahnen. Die Möglichkeiten sind also sehr vielfältig und die Übungen werden genau auf das jeweilige Kind abgestimmt. Wichtig sind immer auch die Aufklärung und Beratung der Eltern.

Hier ein kleines Beispiel für eine Übung, die den meisten Kindern viel Spaß macht und die Gesichts- und Mundmuskulatur stärkt (Vor allem hintere Gaumenlaute wie [k,g,ch ] profitieren davon):

Jeder Spieler bekommt einen Strohhalm, einen Farbwürfel und 6 Papierplättchen in den 6 Würfelfarben.  Es wird eine Rennstrecke (z.B. vom Tisch zur Fensterbank) vereinbart.  Auf die Plätze, fertig, looos: Alle Spieler würfeln. Das Plättchen in der gewürfelten Farbe wird mit dem Strohhalm angesaugt und so zur Fensterbank transportiert. Wieder zurück würfelt man erneut, bis der Würfel eine noch vorhandene Farbe zeigt und wieder ein Plättchen transportiert werden kann. Dies geht so lange, bis der erste Spieler alle Plättchen auf die Fensterbank transportiert hat. Er hat gewonnen.

 

Liebe Beatrice, vielen Dank für das Interview. 

 

Abschließend möchte ich noch etwas dazu sagen:

Die Angaben wann Kinder gewisse Laute und Wörter können sollen, sind Richtwerte und variieren je nach Kind! Niemand soll sich deswegen verrückt machen, aber wir sollen sehr aufmerksam auf die Sprache unserer Kinder achten und wenn uns große Unterschiede zu Gleichaltrigen auffallen, oder wir als Eltern das Gefühl haben, dass etwas nicht passt, sollten wir das abklären lassen. Wie Beatrice bereits gesagt hat, besser früher als später abklären und wenn nötig behandeln lassen, denn dann bekommt man es meist leichter in den Griff.

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