Ein schöner Augenblick

„Eine Blüte, eine wunderschöne Kirschblüte – nun schau doch nochmal hin!“ das kleine Auge versucht noch einen Blick zu erhaschen, doch der Mann wendet sich ab. Jetzt blickt es wieder stur geradeaus auf den Asphalt. Wie jeden Morgen. Das kleine Auge bemüht sich so sehr, es will seinem „Besitzer“, Herrn Dangl, zeigen wie schön die Welt ist. Doch er ist ein missmutiger Mann der alles immer grau in grau sieht, obwohl ihm die Welt in den schönsten Farben entgegenleuchtet.

Doch das kleine Auge gibt nicht auch, es schaut immer ein bisschen auf die Seite und versucht möglichst lange auf etwas Schönes hinzuschauen. Auf den schönen goldgelben Hund, der an der Ampel wartet. Auf den Rosenstrauß, den ein junger Mann in den Händen hält. Oder auf das Kind, dass aus seinem Kinderwagen herauslächelt. Vergeblich. Herr Dangl kann die Dinge nicht sehen. Er sieht alles grau in grau. Er sieht nur, dass er schon wieder zu spät dran ist, dass er wichtige Briefe zuhause vergessen hat und, dass er heute länger arbeiten muss. Als er den Hund ansieht, denkt er sich: „Der macht doch nur Dreck.“ Als er den Rosenstrauß ansieht, denkt er: „Der kostet doch nur viel Geld.“ Und als er das Kind ansieht, denkt er: „Die machen doch nur Lärm.“ Und so geht es jeden Tag.

Manchmal möchte das kleine Auge nur noch weinen. Es würde sich so gerne freuen und schöne Sachen anschauen, aber es sieht fast immer nur den Asphalt und weiße Papierblätter auf denen viele Wörter stehen. Ja, manchmal möchte es einfach weinen. Aber das geht auch nicht. Herr Dangl würde niemals weinen.

„Guten Tag, ich bin Frau Schneider. Ich bin neu hier und sitze jetzt am Schreibtisch neben ihnen.“ Überrascht schaut Herr Dangl auf. Das kleine Auge erblickt eine Frau. Sie ist hübsch. Sie hat schulterlange schwarze Haare, dunkle Augen und ein freundliches Lächeln. Sie trägt eine blaue Bluse und einen roten Rock. Frau Schneider lächelt Herrn Dangl immer noch an. Er starrt sie lange an. Dann räuspert er sich und steht auf. „Ich bin Herr Dangl, freut mich Sie kennenzulernen. Wenn Sie Fragen haben, helfe ich ihnen gerne“, sagt Herr Dangl leise. „Danke“, antwortet Frau Schneider und setzt sich an ihren Schreibtisch.

Herr Dangl schaut immer wieder zu Frau Schneider hinüber. Das kleine Auge kann es gar nicht glauben. Lange schaut er sie an. Ihr Haare, ihr Gesicht. Nur ganz selten schaut er an diesem Tag auf die vielen weißen Blätter mit den vielen Wörtern darauf, die vor ihm liegen. Nur wenn Frau Schneider aufblickt, schaut er schnell wieder auf seine Arbeit, damit sie nicht merkt, dass er sie anschaut.

Als er seine Jacke anzieht, steht auf einmal Frau Schneider neben ihm. Sie hat sich auch fertig gemacht um nach Hause zu gehen. „Ich wohne hinter der Kuchenfabrik“, sagt Frau Schneider, „und in welche Richtung müssen Sie?“ „In die selbe“, antwortet Herr Dangl, „ich wohne kurz vor der Kuchenfabrik.“ Er lächelt und schaut sie wieder lange an. Das kleine Auge freut sich. Herr Dangl und Frau Schneider gehen ein Stück ihres Heimweges gemeinsam.

„Sehen Sie nur, wie wunderbar die Bäume blühen“, sagt Frau Schneider plötzlich. Herr Dangl schaut. Das kleine Auge empfindet große Freude. Es sieht die wunderschönen Blüten. Rosarote Blüten. Es sind Kirschbäume. „Ja, sie blühen wunderschön“, sagt Herr Dangl. Er schaut sich um, das kleine Auge erblickt so viele schöne Dinge auf einmal und versucht sie möglichst lange anzuschauen. Und zum ersten Mal sieht sie Herr Dangl wirklich. Er sieht den strahlend blauen Himmel in den sich ganz langsam das zarte rosa der Abendsonne mischt. Er sieht Vögel die aufgeregt zu ihren Nestern fliegen. Er sieht eine getigerte Katze, die schnell um ein Hauseck huscht und er sieht einen kleinen Bub, der ihm aus seinem Buggy heraus zuwinkt.“ Das Auge genießt diese vielen schönen Dinge und kann es gar nicht glauben, dass Herr Dangl sie alle so lange anschaut. Dann schaut Herr Dangl Frau Schneider an und lächelt. „Was für ein schöner Augenblick“, sagt er leise zu ihr. Sie nickt und lächelt. Und das kleine Auge lächelt auch.

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