Wahrnehmen – mit allen Sinnen

In den kommenden Wochen möchte ich mich der kindlichen Sinneswahrnehmung widmen. Durch die Sinne begreifen und erleben wir unsere Welt, wir nehmen sie wahr.

Wir tun das vom Tag unserer Geburt an. Schon ein Neugeborenes hört, fühlt, sieht, riecht und schmeckt. Es kann auch schon Vertrautes, wie die Stimme der Mutter, von Unbekanntem unterscheiden. Untersuchungen zeigten, dass die Kinder bei der Stimme der Mutter stärker saugten als bei einer fremden Stimme. Und auf die Stimme der Mutter hören die Kinder von Anfang an besonders aufmerksam, weil sie sie bereits aus dem Mutterleib kennen – also hört das Baby schon dort.

Der Sehsinn ist nach der Geburt noch nicht ganz ausgeprägt, aber im Abstand von 25-50cm sehen Neugeborene relativ scharf. Sie nehmen das Gesicht ihrer Mutter beim Stillen wahr. In Untersuchungen betrachteten schon 2 Wochen alte Babys das Gesicht der eigenen Mutter länger, als das fremder Frauen. Mit 6-8 Monaten ist die Sehschärfe fast so gut wie bei einem Erwachsenen.

Weitere Untersuchungen zeigten auch dass sich bereits bei 2 Tage alten Babys die Herzfrequenz und die Atemmuster bei neuen Gerüchen änderten. In anderen Untersuchungen wurde auf die Mimik geachtet. Bei Erdbeer- und Vanilleduft zeigte das Baby einen zufriedenen Gesichtsausdruck, während es bei Fisch die Nase rümpfte.

Diese kurzen Untersuchungsergebnisse zeigen uns, dass der Mensch von Anfang an wahrnimmt und Reaktionen auf Sinnesreize zeigt.

Im Laufe der ersten Lebensmonate reagieren Kinder immer mehr auf die unterschiedlichsten Reize – sie verfolgen Gegenstände die man bewegt mit ihren Augen und sie erwidern ein Lächeln. Sie reagieren auf bekannte Stimmen, wie von Mama und Papa mit Freude, während fremde Stimmen verunsichern, vielleicht sogar Angst machen. Und sie zeigen uns sehr genau was ihnen schmeckt und was nicht.

Besonders spannend finde ich auch, dass Babys bis zum Alter von 6 Monaten sämtliche Laute unterscheiden können, die es in allen Sprachen auf der Welt gibt. Erst in der zweiten Hälfte des 1. Lebensjahres können sie nur noch Laute ihrer eigenen Muttersprache unterscheiden. Aber vorher muss das Kind natürlich offen für alle Sprachen sein – je nachdem wo es geboren wird.

Und schließlich beginnen sie immer mehr ihre Umwelt selbstständig wahrzunehmen – sie greifen nach Dingen und betrachten (und kosten) sie eingehend und sie beginnen selbst Geräusche, durch Klopfen, …. etc. zu erzeugen und sie fühlen welche Liegeposition angenehm ist und welche nicht und wie sie sie ändern können.

Und wie wichtig und oftmals prägend Sinnerfahrungen sind, wissen wir wohl aus eigner Erfahrung – ein Geruch, ein Geschmack, ein Lied, … kann uns ganz schnell in eine vergangene Situation versetzen. Mit allen Sinnen wahrnehmen, ist also auch ein „Besinnen“  – besinnen auf frühe Erlebnisse, auf intuitiv Erfahrenes.

Schon frühe Pädagogen erkannten die Wichtigkeit des Lernens und Erfahrens mit allen Sinnen. So schreibt etwas John Locke (1632-1704): „Nichts ist im Verstand was nicht vorher in den Sinnen war.“

Jean Jacques Rousseau (1712-1778) schreibt: „Das Kind will alles berühren, alles anfassen. Verhindert diese Unruhe nicht. Sie vermittelt ihm eine sehr notwendige Lehre. Es lernt Wärme, Kälte, Härte, Weichheit, Schwere, Leichtigkeit der Körper kennen und Größe und Gestalt und alle anderen Eigenschaften beurteilen, indem es sie betrachtete, befühlt, belauscht; indem es Gesichts— und Tasteindrücke vergleicht; indem es das Auge lehrt, abzuschätzen, welchen Eindruck die Körper unter den Fingern erzeugen.“

Und Johann Heinrich Pestalozzi (1746-1827) fordert „Lernen mit Kopf, Herz und Hand.“

 

Der Prozess der Wahrnehmung

Sehr vereinfacht dargestellt: Die Sinnesorgane mit ihren Rezeptoren nehmen einen sensorischen Reiz auf, welcher über die Nervenbahnen zum Gehirn weitergeleitet. Diese Reize können unterschiedliche Intensität haben und von unterschiedlicher Qualität sein (z.B. süß oder sauer). Im Gehirn kommt es zu einer Reaktion und über die Nervenbahnen wird ein Impuls zurückgeschickt.

Stellen wir uns vor wir sehen eine Erdbeere. Unsere Augen schicken das Bild zum Gehirn. Das Gehirn erinnert sich, dass wir Erdbeeren mögen und sendet einen Impuls an die Hand um die Erdbeere aufzuheben und in den Mund zu stecken. Die Geschmacksnerven senden den Erdbeergeschmack ans Gehirn und dort erinnern wir uns vielleicht an einen schönen Tag beim Erdbeerenpflücken in unserer Kindheit.

Nach dieser kleinen Einführung zu unseren Sinnen, möchte ich jede Woche einen Sinn näher unter die Lupe nehmen und auch Anregungen für verschiedene Sinnesspiele mit Kindern geben.

 

Quellen:

Schenk-Danzinger, Lotte. 1999. „Entwicklung, Sozialisation, Erziehung. Bd. 1. Von der Geburt zur Schoulfähigkeit.“ Klett-Cotta.

Bertin, Evelyn; u.a. Die Welt erkunden. Wie kleine Kinder wahrnehmen. In: „Unsere Kinder.“ Ausgabe 6. 2006.

Zimmer, Renate. 2005. „Handbuch der Sinneswahrnehmung. Grundlagen einer ganzheitlichen Erziehung.“ Herder.

 

 

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